Die Kreislaufwirtschaft gilt als einer der zentralen Hebel für mehr Nachhaltigkeit in der Industrie – auch in der Medizintechnik. Doch gerade hier stellen komplexe Produkte, regulatorische Anforderungen und hohe Qualitätsstandards besondere Herausforderungen dar.
Wie Automatisierung dabei helfen kann, diese Hürden zu überwinden, darüber spricht mit Amirmohammad Emadisohi, der sich im Rahmen seiner Masterarbeit intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat, sowie Andreas Wild, Key Account Manager mit Blick auf die industrielle Praxis.
Amirmohammad Emadisohi: Medizinprodukte sind extrem komplex, oft sicherheitskritisch und in vielen Fällen für den Einmalgebrauch ausgelegt. Das macht klassische Recyclingansätze schwierig. Gleichzeitig entsteht aber ein enormer Ressourcenverbrauch – und genau hier setzt die Kreislaufwirtschaft an.
Ein großes Problem ist die Demontage: Produkte sind nicht dafür konzipiert, einfach auseinandergebaut zu werden. Deshalb ist dieser Schritt heute häufig noch manuell, aufwendig und wirtschaftlich schwer darstellbar.
Amirmohammad Emadisohi: Automatisierung ist ein entscheidender Enabler. Durch den Einsatz von Robotik, Sensorik und datenbasierten Verfahren kann die Demontage deutlich effizienter gestaltet werden. Ein zentraler Ansatz ist die sogenannte „Befundung“ – also die Analyse des Produkts vor der Demontage. Dabei werden beispielsweise Verbindungen, Materialien oder Zustände erkannt, um den optimalen Demontageprozess abzuleiten. Solche datengetriebenen Prozesse sind notwendig, weil Produkte oft unterschiedlich genutzt wurden und sich ihr Zustand stark unterscheidet.
“Die Variabilität der Produkte ist eine der größten Hürden. Anders als in der klassischen Produktion haben wir es nicht mit standardisierten Neuteilen zu tun, sondern mit gebrauchten Produkten in unbekanntem Zustand."

Andreas Wild: Der Druck steigt spürbar – sowohl durch regulatorische Anforderungen als auch durch wirtschaftliche Faktoren wie Rohstoffverfügbarkeit und Lieferketten. Unternehmen erkennen zunehmend, dass lineare Wertschöpfung („produzieren, nutzen, entsorgen“) nicht zukunftsfähig ist. Gleichzeitig muss sich jede Lösung wirtschaftlich rechnen. Genau hier ist Automatisierung spannend: Sie kann helfen, Prozesse skalierbar und effizient zu machen.
Andreas Wild: In der Praxis geht es darum, Kreisläufe wirklich zu schließen. Also nicht nur zu recyceln, sondern Produkte, Komponenten und Materialien möglichst hochwertig zurückzuführen. Automatisierte Demontage kann hier eine Schlüsselrolle spielen, weil sie überhaupt erst die Voraussetzung schafft, wertvolle Materialien sortenrein zurückzugewinnen.
Amirmohammad Emadisohi: Wir stehen noch am Anfang. Es gibt viele Forschungsprojekte und erste industrielle Ansätze, aber noch keine flächendeckenden Lösungen. Die Kombination aus Automatisierung, Daten und KI wird hier in den nächsten Jahren eine zentrale Rolle spielen, um die Komplexität beherrschbar zu machen.
“Ich bin überzeugt, dass Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik kommen wird – nicht als Option, sondern als Notwendigkeit. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell."

Die Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik steht vor komplexen Herausforderungen – bietet aber gleichzeitig enormes Potenzial.
Die Verbindung aus wissenschaftlicher Forschung, wie sie unter anderem in der Masterarbeit von Amirmohammad Emadisohi erarbeitet wurde, und praktischer Umsetzung zeigt: Automatisierung kann zum entscheidenden Hebel werden, um nachhaltige und wirtschaftliche Lösungen zu realisieren.